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Reine Kopfarbeit

Wenn die Bauchspeicheldrüse durchs Schlüsselloch operiert wird

Eng ist es am OP-Tisch. Wenn der Bauchraum geöffnet ist und Operateur und Assistent einen tiefen Blick in den Patienten werfen. 

So richtig vorstellbar ist das nicht. Dass diese Operation hier, bei der der Bauchschnitt ein riesiger ist, bei der Chefarzt Dr. Steffen Krummbein sich immer wieder tief herunterbeugt, um noch besser in die Bauchhöhle schauen, an Überblick gewinnen zu können, auch laparoskopisch möglich ist. Dass also winzige Schnitte ausreichen, um ein Instrumentarium in den Bauchraum zu schieben, das nur von wenigen so beherrscht wird, dass selbst eine solch komplexe Operation wie die der Bauchspeicheldrüse möglich ist.Was sich hier hinter dem Begriff der Komplexität verbirgt, zeigt sich schon auf dem OP-Plan an diesem Montagmorgen. In den Sälen im vierten Stock werden Knie- und Hüftprothesen eingebaut – dicke grüne Quadrate auf dem digitalen Zeitplan zeigen, wie viel Zeit für sie eingeplant ist. Eine Etage tiefer, im Gebäude wie auch auf dem Monitor, zeigt einen langen, sehr langen grünen Streifen. »So eine Operation benötigt schon mal sechs, sieben Stunden. Da blockt man am besten gleich den gesamten OP-Saal«, sagt Dr. Steffen Krummbein. Der Patient, der heute auf dem OP-Tisch Platz nimmt, ist einer von denen, die für eine solche minimal-invasive Operation in Frage kommt. Ein ausgeklügeltes Untersuchungssystem ist notwendig, um herauszufinden, ob ein solches Verfahren angewandt werden kann oder nicht. Sind alle Voraussetzungen erfüllt, dann passiert, was derzeit nur in etwa 20 Kliniken in ganz Deutschland möglich ist. Große Erfahrungen, einmal in der Laparoskopie, dann in der chirurgischen Versorgung der Bauchspeicheldrüse sind notwendig, um wie das Lukas-Krankenhaus zu diesem elitären Kreis zu gehören. Wer dazu zählen möchte, der muss erst einmal mindestens zehn Bauchspeicheldrüsen-OPs pro Jahr vorweisen können. Was sich auf den ersten Blick als machbar liest, sieht ganz anders beim Besuch im OP aus. Der Schnitt ist gemacht, der Bauch weit geöffnet. Grüne OP-Tücher färben sich rot-bräunlich um, wenn sie an ihren Einsatzort gebracht werden, das Skalpell bahnt sich seinen Weg weiter in Richtung Bauchhöhle, wo es erst einmal darum geht, sich einen Überblick zu verschaffen, die Organe freizupräparieren, die fingerdicken Blutgefäße nicht zu verletzen. »Wenn man das als Laie sieht, dann ist es sicher nicht vorstellbar, dass die Übersicht bei der minimal-invasiven Technik eine noch bessere ist – aber genau so ist es«, hat Dr. Steffen Krummbein eben noch in der Schleuse zum OP erzählt. Was daran liegt, dass er, wenn die winzige Kamera eingesetzt wird, immer nur schichtweise in den Körper schaut, dafür aber die Sicht eine ganz hervorragende ist. Längst hat die aus dem Fernsehbereich bekannte HD-Technik auch die Operationssäle erreicht. Auf dem Monitor flimmert kein schwarz-weißes Bild mehr, sondern ein glasklares, eines, das in kräftiger Vergrößerung dem Chirurgen exakt zeigt, wo er Skalpell, Nadel und Faden ansetzen kann. Während bei dieser Art des Operierens der Blick des Allgemeinchirurgen immer auf dem Monitor ruht, seine Hände also »blind« arbeiten, sieht es jetzt im OP anders aus. Die Bauchhöhle ist weit geöffnet, mal liegen Teile des Darms auf dem blauen OP-Tuch, dann greift der Operateur zu, verschiebt, fühlt, tastet. »Es ist eine ganz andere Art der Arbeit, auch wenn das Ergebnis natürlich ein gleiches ist«, sagt Dr. Steffen Krummbein, ehe er sich wieder dem Patienten zuwendet. Dessen Leber hat den Einsatz der minimal-invasiven Technik unmöglich gemacht. Denn in der versteckte sich noch ein Tumor, eine Metastase, erst einmal etwas, was sich in der Voruntersuchung am Tag zuvor als ungewöhnlich herausgestellt hat und somit gleich mit operiert werden sollte. Was genau sich da in der Leber verbirgt, wo genau es sitzt, ist auch bei offenem Bauch nicht allzu einfach zu lokalisieren. Also wird ein Ultraschallgerät aus der Endoskopie angefordert, gehen die beiden Operateure mit einem winzigen Ultraschallkopf auf Metastasensuche. Was dann geschieht, ist ein logistisches Kunststück. Mit einer dicken Nadel wird, so sagt der Fachmann, in die Leber genau an die Stelle gestanzt, an der das anormale Gewebe lokalisiert wurde. Die so gewonnene Gewebeprobe wandert erst in eine Schale, dann in ein Schraubkunststoffglas, ehe sie zur Zentrale gebracht wird. Von da geht dieser sogenannte Schnellschnitt per Taxi in die Pathologie ans Klinikum Minden, wo 15 Minuten nach dem Eintreffen schon der Befund feststeht. Ein kurzes Telefonat, dann wissen die Mitarbeiter im OP, was genau sich da in der Leber befunden hat. Während der Fahr- und Wartezeit haben sie sich aber längst der Bauchspeicheldrüse zugewandt. Und einen Tumor bestaunt, der sich schon sehr weit ausgebreitet hat. Alle am Tisch wissen, dass der, der hier operiert wird, einer ist, dessen Leben auf des Messers Schneide steht. Wer Chefarzt Dr. Krummbein fragt, was man niemandem wünschen sollte, dann antwortet er mit einem Hinweis auf diese Krebsart.

Es geht jetzt darum, das innere Verbluten zu verhindern, Lebenszeit zu verlängern, Schmerzen zu lindern. Um letzteres geht es auch beim Einsatz der laparoskopischen Operationstechnik. Denn durch den Einsatz der langen, stabförmigen Instrumente bei indirekter Sicht wird zwar der Operateur vor große Herausforderungen gestellt, gleichzeitig werden aber dem Patienten Vorteile geboten. Und allein das zählt. So ist der Blutverlust deutlich geringer, der Schmerz nach der Operation ebenfalls. Das Immunsystem wird weniger belastet, eine Erholung setzt schneller ein, der Weg nach Hause ist ebenfalls ein sicherer. Und das bei Patienten, die ohnehin gesundheitlich vorbelastet sind, die sich aufgrund der schweren Erkrankungen sowieso schlechter erholen als gesunde Menschen. 

Für diesen Patienten hier wäre diese OP-Variante sicherlich auch die bessere Alternative gewesen – wäre da nicht das Problem mit der Leber gewesen. So wird weiter im offenen Bauchraum geklemmt und genäht, geschnitten und präpariert. Die Hälfte der Bauchspeicheldrüse muss am Ende entfernt werden, die Milz wandert gleich mit vom Körperinneren in eine Schale auf dem angrenzenden Instrumententisch. »Bei einem bösartigen Krebsgeschwür wie diesem hier muss man den Tumor mitsamt dem darumliegenden Gewebe weiträumig ausräumen, um auch wirklich alle Zellen erwischen zu können«, erklärt Dr. Steffen Krummbein. Milz und Bauchspeicheldrüse hängen nicht nur lokal sehr eng zusammen und so muss dieses Organ auch entfernt werden. Wie es mit dem Patienten weitergehen wird? Schwer zu sagen. »Natürlich reden wir hier nicht über Erfolg, nicht über Heilung. Es geht darum, Schmerzen zu lindern, eine Ausbreitung zu verhindern, das Leben lebenswert zu machen, zu verlängern«, sagt Dr. Steffen Krummbein. Eine notwendige Operation also, eine, die trotz ihrer Länge, trotz ihrer körperlichen Belastung für den Operierten ohne Alternative bleibt. Es sei denn, man sieht die laparoskopische als solche an. »Und das sollte man tun, denn nicht nur die Technik ist eine andere, sondern eben auch das, was der Patient am Ende für Vorteile davon mitnimmt«, erklärt der Chefarzt, der mit seiner Klinik eines von insgesamt zehn anerkannten, sprich von externer Quelle überprüften und anerkannten Referenzzentren für minimal-invasive Chirurgie ist. 

Auf die Frage, wie so eine selbst für bundesweite Verhältnisse seltene Klinik im versteckten Ostwestfalen zu finden ist, weicht Dr. Krummbein ein wenig aus. Es ist halt schwer, sich selbst zu loben. Dabei solle man das nicht so verstehen, als sei er mit seinem Team hier in einem experimentellen Feld der Chirurgie unterwegs. Das ganz gewiss nicht. Es erfordert halt zweierlei. Einerseits die passenden Patienten, dann, noch viel wichtiger, eine immense Erfahrung. Die holen sich die Allgemeinchirurgen fast tagtäglich in den OP-Sälen. Greifen bei diversen Operationen unterschiedlichster Organe immer häufiger zu der winzigen Video­kamera, die ebenso wie die Greif- und Schneidewerkzeuge über Hautschnitte, die zwischen zwei Millimetern und zwei Zentimetern groß sind, ins Körperinnere geführt werden. Längst schon sind die großen Monitorständer Alltagsbild in den OP-Sälen des Lukas-Krankenhauses geworden, wandert der Blick des Operateurs automatisch auf den Monitor, während seine Hände mit geschickten Bewegungen die Werkzeuge in Position bringen, die sich unter der Bauchdecke den Weg in Richtung Einsatzort bahnen. »Das hier, das ist die Zukunft«, sagt Dr. Krummbein. Und wenn man ihm so zusieht, dann ist das eigentlich nicht richtig. Die Zukunft, die hat hier längst begonnen. Ist zur gelebten Gegenwart geworden. 

 

Der Blick der Operateure wandert bei der konventionellen OP immer wieder in die Bauchhöhle. Wird minimal-invasiv operiert, ruht er auf dem Monitor. 

Mit dem Taxi wird die Gewebeprobe in die Pathologie nach Minden transportiert. 

Nur wenige Kliniken in Deutschland bieten diese OP minimal-invasiv an.