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Die etwas andere Station

Ein Besuch in der onkologischen Ambulanz

Die junge Frau steht fast lächelnd am Eingang der Onkologie, in der einen Hand den Tropfständer, in der anderen eine Zeitschrift. Schlecht? Kann es der Frau doch eigentlich nicht gehen, denkt der Laie. Schlechter? Kann die Prognose kaum aus­fallen, sagt Dr. Ferdinand Möller-Faßbender, der der Patientin mitteilen musste, dass sie an einer Krebserkrankung leidet, deren Lebenserwartung eine ist, die in Monaten, nicht in Jahren zu beziffern ist.

Ein fast normaler Morgen in der Ambulanten Onkologie des Lukas-Krankenhauses. Licht scheint durch die orangefarbenen Vorhänge in renovierte Ambulanzräume, die nichts von der Tragik, von dem Schmerz vermitteln, mit der die Station landläufig in Verbindung gebracht wird. »Krebs? Das hat immer etwas mit einer Bedrohung zu tun, mit dem Gedanken an den Tod, dem qualvollen Sterben«, erklärt der Oberarzt. Und das sei auch verständlich und menschlich. »Aber es gibt ähnlich ungünstige Prognosen auch für Erkrankungen von Lunge, Leber oder Herz, die dennoch ganz anders wahrgenommen werden«, sagt Dr. Möller-Faßbender. Krebs aber erscheint im Bewusstsein der Menschen ganz anders. Eine entsprechende Behandlungsform wie Chemotherapie »die auch heute noch mit Abmagerung, dem Verlieren der Haare, Übelkeit und Dahinsiechen verbunden wird, entspricht nur zu einem Teil der immer wiederkehrenden Realität«. Längst gäbe es Medikamente und Begleittherapien, die von vielen Patienten sehr gut vertragen werden, die es den Menschen ermöglichen, hier ihre Infusionen zu bekommen und danach mit guter Lebensqualität in den Alltag zu gehen. 

Wer denkt, dass auf dieser besonderen Station nicht gelacht wird, die Stimmung eine depressive, die Mitarbeit eine psychisch überfordernde ist, der irrt sich. »Natürlich gibt es hier Momente, in denen man schlucken muss, in denen es schwer fällt, die Fakten, die Emotionen nicht mit nach Hause zu nehmen. Aber im Laufe der Berufsjahre lernt man auch damit umzugehen«, verrät der 59-Jährige, der natürlich auch Betroffenheit verspürt. Dann etwa, wenn die Erkrankung eine weit fortgeschrittene, bedrohliche, das Leben aber noch lange kein altes, kein gelebtes ist. Gespräche darüber, das Überbringen solcher Nachrichten, erforderten Zweierlei: Aufrichtigkeit in der Kommunikation und das Aufzeigen eines Weges. Beides sei die Voraussetzung für ein belastbares Patientenverhältnis, die Grundlage für die gute Zusammenarbeit. Bei vielen Gesprächen weiß Dr. Möller-Faßbender schon früh, dass es zu weiteren kommen wird. Zu solchen, in denen die gesammelten Fakten eine klare Sprache sprechen: Die Perspektiven sinken, der Verlauf wird schlechter. Viel Zeit nimmt er sich, um diese Nachricht zu überbringen, um in Ruhe zu besprechen, was nun zu tun ist. Und was nicht. 

»Heute macht die medizinische Forschung einen Schritt nach dem anderen, es geht immer weiter. So können wir heute Krebserkrankungen bekämpfen, gegen die wir vor Jahren noch hilflos waren«, sagt der Leiter der Onkologie. Längst kommt ein gutes Viertel der Patienten hierher, um nicht nur Lebenszeit zu gewinnen, sondern wirklich geheilt zu werden. Und deren Anteil steigt. Aber es gibt eben auch den Fall, bei dem irgendwann klar ist, dass die zweite, die dritte Runde der Chemotherapie mit einem anderen Wirkstoff auch nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat. Bei dem sich die Tumorerkrankung weiter ausweitet und sich der Allgemeinzustand verschlechtert. Dann rückt der Zeitpunkt näher, an dem Dr. Möller-Faßbender wieder zum Gespräch lädt. Und »manches Mal offene Türen einrennt, weil der Patient schon ahnt, dass es so nicht weitergeht. Er muss sich entscheiden, ob wir es gemeinsam mit Chemo- oder Strahlentherapie weiter versuchen wollen, oder ob er Abstand nimmt von weiteren speziellen onkologischen Maßnahmen«.

Allein gelassen wird in einer solchen Entwicklung niemand. Aber es geht dann nicht mehr um die Bekämpfung des Tumors, sondern um die palliative Medizin, darum, die Priorität nicht auf die Lebensverlängerung, sondern auf die Qualität und Stabilität der Lebenszeit zu legen. Stehen solche Gespräche an, bittet Dr. Möller-Faßbender auch einen Angehörigen mit dazu. Der Grund dafür ist einfach: »Wenn der Patient hier durch die Tür geht, hat er einen Großteil dessen, was ich ihm gesagt habe, längst vergessen oder verdrängt. Das ist ganz natürlich. Da braucht es dann Angehörige, die mit zuhören, die sich kümmern, die das Gesagte auch verstehen, behalten und weiter besprechen«, sagt Dr. Möller-Faßbender und weiß doch, dass verstehen und damit umgehen zwei unterschiedliche Dinge sind.

Doch das geht nicht nur Patient und Angehörigem so. Auch der Mediziner erlebt Momente, in denen er sehr betroffen ist. Wenn etwa ein Patient vor ihm sitzt, dem eigentlich geholfen hätte werden können, wäre er nach Auftreten von Symptomen nur eher zur Untersuchung gekommen. »Aber sagen? Kann man das natürlich nicht direkt. Sondern vielleicht nur: wir hätten Sie gerne früher gesehen.« So ist es geboten, die Situation zu akzeptieren und im Gespräch den Versuch zu beginnen, das Beste daraus zu machen.  

Krebs und Tumorerkrankungen? Sind aus seiner Sicht immer noch vor allem dieses: Schicksalhaft für den Betroffenen. Und eine riesige Herausforderung für die Wissenschaft und die medizinische Versorgung. Der Zuhörer ahnt, welchen Menschen Dr. Möller-Faßbender schon gegenüber gesessen hat, wem er, egal wie jung, er erklären musste, dass das Leben ein endliches ist. Ein sehr bald endendes.

Selbst? Ist er dabei bewusster im Alltag und aufmerksamer zugleich geworden. Aufmerksamer, weil er weiß, wie sich Veränderungen im Krankheitsverlauf, aber auch im Leben häufig durch kleine Hinweise andeuten. Bewusster im Alltag wird er auch durch die in den Gesprächen sich widerspiegelnden Erfahrungen und Lebensentwürfe der Patienten. »Wenn ich dann nach Hause radle und den Arbeitstag reflektiere, werden tagespolitische oder eigene Themen auf den Prüfstand gestellt und relativiert.«, sagt der 59-Jährige, der das oft länger anhaltende Arzt-Patientenverhältnis schätzt. Das sei ein angenehmer, durch die Tätigkeit begründeter Unterschied zu anderen ärztlichen Kollegen in der stationären oder ambulanten Medizin.

In die onkologische Ambulanz kommen die Menschen immer wieder, mal mit guten Nachrichten, dann mit schlechter Prognose. In der Hand des Mediziners ein stetig wachsendes Portfolio an Medikamenten, die helfen, die den Krebs zumindest aufhalten können. »Schauen Sie sich das Nierenkarzinom an, da gibt es eine ungeheuerliche Dynamik in der Forschung. Vor wenigen Jahren hatten wir nichts dagegen, heute gleich ein paar Medikamente«, sagt Dr. Möller-Faßbender den Betroffenen. Erlebt hat er schon viel Unerwartetes. Krankheitsverläufe, die deutlich besser und schneller zum erhofften Ergebnis geführt haben als gedacht. Und auch das Gegenteil. 

Und es gibt eben immer noch die Krankheitsbilder, bei denen auch die moderne Medizin nicht das gewünschte Ziel erreicht. So wie bei der jungen Frau mit dem Tropf. Die lässt sich ganz in Ruhe den Zugang wieder entfernen, lächelt, lässt sich ein Taxi rufen und verabschiedet sich mit den Worten »bis zum nächsten Mal«. Viele Monate wird sie nicht mehr herkommen. »Aber sie hat sich mit der Situation irgendwie arrangiert, macht das Beste daraus, versucht die Zeit bewusst zu leben. Das ist genau das, was man machen kann. Alles andere hilft niemandem«, sagt Dr. Möller-Faßbender und schaut der Frau irgendwie anerkennend hinterher.

 

»Die medizinische Forschung macht heute einen großen Schritt nach dem nächsten - so können wir immer besser Krebserkrankungen bekämpfen.«