14

Schreiben, bis der Arzt kommt

Wo aus Diktaten und Notizen Briefe und Dokumente werden

Der Laie denkt, dass die Arbeit von Petra Lorscheter und ihren Kolleginnen eigentlich eine sein müsste, die immer seltener anfällt. Wer braucht heute, in Zeiten modernster Kommunikation, noch einen Schreibdienst?

Aber da winkt dessen Leiterin nur lachend ab. Zu schaffen? Sind die Aufgaben hier nur selten. Per Computersystem werden die Texte auf ihren Bildschirm geleitet, aus denen meist möglichst schnell Schriftstücke werden sollen. Etwa 80 bis 100 Dokumente verlassen pro Tag das Schreibbüro. Aus der Ruhe bringen aber tut auch diese imposante Zahl die, die seit 40 Jahren im Haus ist, nicht. Begonnen hat sie hier als Sekretärin des unfallchirurgischen Oberarztes, ist später in die Ambulanz gewechselt, ehe ihr die Leitung des zentralen Schreibdienstes angetragen wurde. Sie brauchte ein wenig Bedenkzeit, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, nicht mehr im Haupthaus zu sitzen, nicht mehr den direkten Kontakt zu denen zu haben, für die sie schreibt. Damit der nicht ganz verloren geht, zieht sie heute jeden Morgen mit einem Handwagen zu den Ärzten, für die sie später Protokolle und Briefe, Befunde und Überweisungen schreibt. All das geht fast lautlos. In ihrem Ohr steckt ein winziger Kopfhörer, die Finger fliegen über die Tastatur, die vielleicht ein Jahr hält, ehe das E, die Leertaste klemmt und Ersatz her muss – vorausgesetzt, die Tastatur ist von guter Qualität, sonst könne das auch schon mal deutlich eher passieren. Im Ohr also die Stimme der Assistenzärzte, die diktiert haben, was jetzt aufzuschreiben ist. Ob sie denn schreibe, was sie höre, fragt der Laie. Und erntet ein Lächeln. »Natürlich nicht«, sagt sie ihrem erstaunten Gegenüber. »Wenn wir hier alle Stilblüten sammelten, dann wären wir den gesamten Tag damit beschäftigt«, erzählt die 58-Jährige. Im Laufe der Jahrzehnte habe sie einfach gelernt, was geschrieben werden müsse und dürfe. Und was nicht. Immer wieder hat sie Korrekturen erhalten, hat noch einmal nachgefragt, hat sich so ein Bild gemacht von medizinischen Texten und Briefen. »Heute weiß ich, wissen meine Kolleginnen, was da stehen darf und was eben keinen Sinn macht und falsch diktiert worden ist«, sagt Petra Lorscheter und lässt den Fragenden zuhören. Von einer Hüftgelenksarthrose ist da die Rede, die in einer Knieprothese enden wird. Ein paar Maus- und Tastenklicks später passt wieder alles und der Drucker beginnt leise zu summen. Was hier im Schreibdienst entsteht, das findet auf zwei Wegen den Weg zurück ins Haupthaus. Einmal ausgedruckt und dann als virtuelles Dokument. Dabei ist der reale Weg ein nicht so kurzer, ist der Schreibdienst doch mittlerweile im Schwesternwohnheim untergebracht. Im ersten Stock sitzen Tina Fischer, Bärbel Faust, Sabine Erdbrügger, Nicole Koch, Nadja Heidemann, Sandra Boulton und eben deren Leiterin Petra Lorscheter und lassen die Tasten glühen. Und schreiben eben nicht nur eins zu eins das ab, was sie da gerade via Kopfhörer hören, sondern denken mit. Und erleben, manchmal auch erleiden mit. »Wenn ich zwei, drei Tage nur für die Onkologie geschrieben habe, dann ist das manches Mal so deprimierend, dass ich eine Abwechslung brauche, etwas anderes schreiben will und muss«, erzählt Petra Lorscheter. Zu nah gehe, was aufgeschrieben wird, da helfe schon einmal der Weg ins Nachbarzimmer, um kurzweilig auf andere Gedanken zu kommen. 

Wenn Petra Lorscheter schreibt, dann flitzen ihre Finger über die Tastatur, ohne Rekorde zu brechen. Es komme halt nicht auf die letzte Sekunde an, sondern vielmehr auf das Ergebnis. Und dafür werden sie und ihre Kolleginnen geschätzt. Dass da jemand ist, der im Verborgenen noch ein wachsames Auge auf die Dinge wirft, die manches Mal nur noch kurz überflogen werden, dann die Unterschrift erhalten und flott in der Ausgangspost verschwinden. Kommt mal etwas Handschriftliches rein, dann stockt niemand hier, dann muss niemand erst zur Kollegin laufen, um mal nachzufragen, was denn dieser Schwung, jenes Gekritzel bedeuten könne. »Wenn Sie das so lange machen wie ich, dann können sie irgendwie alles lesen und abtippen«, sagt Petra Lorscheter. Daraus macht sie, was ihrer eigenen Rechtschreibung standhält. »Die neue Rechtschreibung? Die können doch sowieso nur die wenigsten«, erklärt die Leiterin des zentralen Schreibdienstes und schreibt einfach weiter. Natürlich läuft die Autokorrektur mit, aber auch die ist längst an ihre Grenzen gestoßen. »In unserem Programm befinden sich von Anfang an zehn freie Wörterbücher, die wir selber mit eigenen Wörtern und vor allem medizinischen Fachbegriffen füttern können«, erklärt Petra Lorscheter. So lernt der Computer neue Worte und verbessert Sie dann, wenn sie falsch geschrieben werden. Aber eben nur so lange, wie sich die Wörterbücher auch noch füllen lassen. »Bei mir? Ist alles dicht, ich kann nichts mehr nachlegen, habe den gesamten Speicherplatz gefüllt«, sagt die, die mit dem Wort Schreibkraft alles andere als adäquat beschrieben ist. Ehemalige Sekretärinnen, Industriekauffrauen, Arzthelferinnen arbeiten hier. Und gerade letztere haben es einfacher, in den Beruf hineinzu­finden, weil sie einfach schon die medizinischen Begriffe, die Zusammenhänge kennen, die eben einen Großteil der Arbeit ausmachen. Die intensiviert sich noch, wenn neue Assistenzärzte, manches Mal natürlich auch mit Migrationshintergrund, ihren Dienst im Krankenhaus aufnehmen. »Da muss man sich dann erst einmal reinhören«, sagt Petra Lorscheter, steigt erst die Zahl der Korrekturdurchläufe, des Wieder-Rübergebens in den Schreibdienst, ehe die Dokumente in die Post gegeben werden können. Lange aber brauchen die Zweierteams nicht, um sich aneinander zu gewöhnen, um perfekt zu funktionieren. Hier der Arzt, der schnell noch ins Diktiergerät spricht, was manches Mal schon wenige Stunden später von einer, die man ruhig Ghostwriterin nennen darf, zu Papier gebracht wird. In Zeiten, in denen Patienten immer früher, gleichzeitig aber mit dem Anspruch entlassen werden, dass ihnen die nötigen Dokumente gleich mitgegeben werden, drängt häufig die Zeit. Ist es dann noch kurz vor Weihnachten und wollen möglichst viele Patienten nach Hause, wird der Berg der unbearbeiteten Dokumente eher größer denn kleiner. Geschafft aber haben sie noch jeden Berg. Haben ihn von oben nach unten abgebaut, sich das eine, das noch wichtigere Dokument rausgefischt und in der Prioritätenlisten weiter nach oben geschoben. Und weiß der, der schreiben lässt, all das eigentlich zu schätzen? »Doch, das muss man schon so sagen. Wenn wir nicht im Zusammenspiel funktionieren, dann klappt vieles nicht. Und das wissen beide Seiten«, sagt Petra Lorscheter, steckt sich die dünnen Ohrenstöpsel wieder in die Ohrmuschel und schreibt weiter. Muss ja noch einiges fertig werden heute.

 

»Jede Mitarbeiterin des Schreibdienstes betreut eine ganz spezielle Abteilung – und hat längst gelernt, auch undeutlichste Schrift zu lesen, undeutlichste Sprache zu verstehen und mit der Tastatur umzusetzen.«