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Diagnose Adipositas

Was sich hinter der vermeintlichen Volkskrankheit verbirgt

Fast jeder kennt einen Menschen, der unter Adipositas leidet. Dabei ist diese Erkrankung mittlerweile schon so verbreitet, dass auch die Fachleute von einer »Volkskrankheit«, manchmal gar von einer »weltweiten Epidemie« sprechen. Fakt ist, dass immer mehr Bundesbürger unter Adipositas leiden und die Zahl von Übergewichtigen in Deutschland über 50 Prozent liegt, Tendenz steigend. Doch was bedeutet Adipositas als Krankheit oder ist es vielleicht gar keine?

Nach Schätzung der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG) sind ca. 45 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer in Deutschland übergewichtig. Dies betrifft auch rund 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 3 und 17 Jahren. Bei der Fettleibigkeit ergibt sich ein ebenfalls erschreckendes Bild, sind doch rund 22,5 Prozent der Frauen und Männer davon betroffen. Auch die weltweiten Zahlen zeigen die Aktualität der Thematik: Rund 1,5 Milliarden Menschen sind weltweit zu dick, 500 Millionen gelten als fettleibig.

Ab wann sprechen Ärzte von Adipositas?

Wo liegen die Grenzen, wann ist das Gewicht ein normales, wann ist man übergewichtig, wann an Adipositas erkrankt? All dies definiert sich nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über den Body-Mass-Index (BMI). 

Dieser ist für jeden Erwachsenen schnell und einfach mit der BMI-Formel zu bestimmen (diese finden Sie auf Seite 7). Bei Normalgewicht entsteht so ein Ergebnis zwischen 18,5 und 24,9. Liegt der Wert zwischen 25 und 29,9 spricht man von einer Präadipositas, also von Übergewicht. Um Folgekrankheiten zu vermeiden, sollte sich das Gewicht in diesem Fall zumindest nicht erhöhen. Ab einem Wert von 30 geht die WHO von einer erhöhten Fettleibigkeit, Adipositas 1. Grades, aus. Ein Ergebnis von 35 bis 39,9 beschreibt eine Adipositas 2. Grades und über 40 eine Adipositas 3. Grades. 

Ob Adipositas wirklich eine Krankheit ist, ist unter Medizinern noch umstritten. Einigkeit herrscht darüber, dass es zwei Formen der Adipositas gibt. Zum einen die abdominale Adipositas, die Fettleibigkeit am Bauch oder männliche Fettleibigkeit und die gynoide Adipositas, die weibliche Fettleibigkeit. Bei ersterer wird der Bauch durch das Fett sehr betont, wobei die Oberschenkel und das Gesäß relativ dünn sind. Letztere beschreibt die Fettverteilung der Unterhaut, wodurch Hüften, Gesäß und Oberschenkel stärker betont werden. Die größere Fettverteilung stellt ein deutlich geringeres Risiko für Folgeerkrankungen dar.

Welcher Typ Adipositas für einen selbst zutrifft, lässt sich ebenfalls mit einer einfachen Rechnung, dem Taille-Hüft-Quotienten (THQ), bestimmen: Umfang der Taille in Nabelhöhe/Umfang der Hüfte an der dicksten Stelle.

Bei Frauen sollte der errechnete Wert bei Normalgewicht kleiner als 0,8 und bei Männern kleiner als 0,9 sein. 

Warum ist Adipositas nun so gefährlich?

Durch Adipositas entstehen viele Folgeerkrankungen, die sich gegenseitig bedingen. Ärzte sprechen vom Metabolischen Syndrom. Durch die erhöhte Fettaufnahme in Form von vor allem fetthaltiger Nahrung entstehen zu hohe Blutfettwerte (Cholesterinwerte) des schlechten Cholesterin, und die schützenden, positiven Cholesterinwerte nehmen ab. Es bilden sich Ablagerungen in den Blutgefäßen (Arterien) und die Sauerstoffversorgung der einzelnen Organe wird eingeschränkt. Folglich muss das Herz immer mehr Druck aufwenden, um das Blut an alle Organe zu verteilen. Es entsteht Bluthochdruck, wodurch es im schlimmsten Fall zum Herzinfarkt kommen kann. 

Als weitere Folge kann sich eine »Fettleber« bilden und das Risiko von Diabetes Typ II (Alterszuckerkrankheit) steigt enorm an. Die Leber baut sich selbst in Bindegewebe und Narben um (Leberzirrhose) und kann ihrer lebenswichtigen Funktion nicht mehr voll nachkommen. Zusätzlich erhöht sich die Gefahr von Gallensteinen und Sodbrennen.

Diabetes entsteht durch ein Missverhältnis von Energieverbrauch und Energiezufuhr. Durch eine zu hohe Energiezufuhr wird die Zuckerverwertung im Muskel gestört (der Muskel kann den Zucker nicht vollständig abbauen, da immer weiter Zucker nachgeliefert wird) und das produzierte Insulin wird mehr und mehr ausgeschüttet. Je mehr Insulin ausgeschüttet wird, desto größer ist das Verlangen des Körpers nach neuer Energie. Der Teufelskreis, dass immer mehr Energie aufgenommen werden muss, ist entstanden. Der nicht abgebaute Zucker lagert sich im Körper ab und kann eine Ursache von Adipositas sein.

Durch die extreme Fettleibigkeit leidet der ganze Körper, vor allem aber leiden die Gelenke. Das Mehrgewicht verursacht Fußfehlstellungen, X- oder O-Beine und Gelenkverschleiß durch die hohe Belastung im Knie-, Hüft- und Sprunggelenk oder in der Wirbelsäule. Arthrose (Gelenkknorpelabbau) ist die nicht heilbare Folge. Bei Frauen verstärkt sich zudem das Risiko für Gebärmutter-, Brust-, und Gallenblasenkrebs. Außerdem erhöht sich die Komplikationsrate bei Geburten.

Die entscheidende Frage ist aber: Warum sind so  viele Menschen von Adipositas betroffen? 

In Deutschland, wie auch in anderen Industrienationen, leben wir nahrungsmitteltechnisch gesehen im Überfluss. Einfach gesagt essen wir unter Stress häufig zu viel und dann noch das Falsche. Viele Menschen nehmen sich zu wenig Zeit für eine geregelte Mittagspause mit einer ausgewogenen Ernährung. Da kommt das Schnellrestaurant um die Ecke gerade recht, wo es nicht mehr nötig ist, das Auto zu verlassen. Auf der Fahrt zurück zur Arbeit schnell im Auto das Mittagessen hinunterschlingen, bevor das nächste Meeting ansteht. Nach der Arbeit endlich nach Hause, nur noch aufs Sofa und die Beine hochlegen. So oder so ähnlich sieht es bei vielen aus. Diese Fehlernährung, die dem Bedürfnishaushalt nicht gerecht wird (zum Beispiel ein Mangel an Nährstoffen, Eiweiß und Kohlenhydraten, dafür aber ein Überfluss an, vor allem gesättigten, Fettsäuren), kann Adipositas unterstützen. Auch der häufige Zusatz »Glutamat« in sogenannten Fertigprodukten wirkt appetitanregend. Mehr Appetit bedeutet aber zugleich mehr Nahrungsaufnahme, als eigentlich nötig wäre. Falsche Ernährung, Stress und das Überangebot an Nahrungsmitteln müssen aber nicht immer die Ursache für Adipositas sein. 

So ist die Fettverteilung im Körper auch genetisch bedingt. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder von übergewichtigen Eltern automatisch übergewichtig oder adipös werden. Ein weiterer, jedoch geringer Faktor können Stoffwechselerkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion, eine Störung des Kortisonhaushaltes (das Hormon aktiviert den Stoffwechsel) oder eine Zuckerstoffwechselstörung (es wird zu viel Insulin ausgeschüttet) sein. Auch einige Medikamente verfügen über die Eigenschaft, die Gewichtszunahme zu fördern. 

Wie lässt sich Adipositas behandeln?

Generell wird jeder Arzt eine Diät und Verhaltenstherapie zum Neuerlernen des Hunger- und Sättigungsgefühls verordnen, die genau auf den Patienten abgestimmt ist. Im Einzelfall kann es zu einer Operation kommen, in welcher ein Magenband, ein Schlauchmagen, ein Magenbypass oder ein Magenschrittmacher eingesetzt wird. Dies ist aber aufgrund seiner Leibesfülle mit nicht unerheblichen Risiken für den Patienten verbunden.

Wenn Sie ein paar alltägliche Dinge beachten, können Sie dem Adipositas-Risiko vorbeugen und Ihren Körper in Schwung bringen und halten: Versuchen Sie, regelmäßig zu essen und nicht eine Mahlzeit auszulassen. Ein Gericht sollte aus einem Mix aus Kohlenhydraten, Eiweiß und ungesättigten Fetten bestehen. Bis das Sättigungsgefühl im Gehirn ankommt, vergehen ca. 15 bis 20 Minuten. Eine kleine Pause fördert nicht nur die Verdauung, sondern unterstützt Sie auch dabei, die optimale Nahrungsmenge zu sich zu nehmen. Am Wichtigsten ist aber: Bewegung 

hält fit! Machen Sie jeden Tag einen Spaziergang, auch eine kleine Runde mit dem Hund regt den Kreislauf an und fördert die Kalorienverbrennung genauso wie Treppen zu steigen anstatt den Fahrstuhl zu nehmen.

 

BMI-Formel:

Gewicht in Kilogramm 
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Körpergröße in Metern zum Quadrat

 

Für eine Person mit einer Körpergröße von 1,75 m und einem ­Gewicht von 70 kg sieht die Rechnung folgendermaßen aus: 70 kg / 1,75 m² = 22,9