01/2012

Heißer Draht zum schnellen Helfer

Der interne Notruf

Das Telefon da an der Wand wirkt wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Wenn es aber klingelt, wenn Wählscheibe und Hörer leicht vibrieren, dann geht es ganz schnell. Spätestens nach zwei Klingeltönen wird der Hörer von der Gabel gerissen, rennen im Lukas-Krankenhaus in Bünde diensthabender Arzt der Intensivstation und Pflegekraft los, um irgendwo im Haus einen Notfall zu erreichen.

Dr. Peter Lorenz leitet als Oberarzt der Anästhesie in Bünde die Intensivstation. Und ist damit auch für interne Notfälle zuständig. Die kommen immer häufiger vor. Denn mit dem steigenden Alter der Patienten erhöht sich auch das Risiko, dass irgendwo im Haus eine Herzkammer zu flimmern beginnt, jemand bewusstlos zusammenbricht. Das kennt auch Dr. Katrin Burghardt vom EVK Lippstadt. Sie trägt in ihrer Kitteltasche gleich zwei mobile Telefone. Eines, über das sie normal zu erreichen ist. Und eins, das immer dann anschlägt, wenn irgendwo aus dem Haus einer der Mitarbeitenden die 3333 anwählt. Dabei löst dieser Alarm in Lippstadt sogar noch mehr aus als in anderen Häusern. „Bei uns werden zeitgleich ein Anästhesist, ein Chirurg, ein Internist und eine Pflegekraft angefunkt, die sich dann allesamt im Laufschritt zur Unfallstelle aufmachen“, erzählt die Anästhesistin. In spätestens drei Minuten ist sie am Einsatzort, selbst wenn der – gar nicht mal so selten – im weit entfernten Ärztehaus liegt. Der Klingelton habe etwas „sehr Durchdringendes“, weiß die Ärztin aus Erfahrung. Und auch in Bünde schreckt jeder der Mitarbeiter hoch, wenn das Wählscheibentelefon an der Wand der Intensivstation zu klingeln beginnt. 

Über die Pforte werden die Einsatzkräfte im Ev. Krankenhaus Bielefeld (EvKB) alarmiert. „Wir haben eine zentrale Telefonnummer, die an der Pforte eingeht. Dann werden sofort ein Team, bestehend aus einem Arzt und einer Pflegekraft, alarmiert“, sagt Dr. Michael Korth. Der Oberarzt ist seit 26 Jahren auch als Notarzt aktiv und weiß, dass es „ausschließlich erfahrene Kollegen sind, die mit einem zusätzlichen Alarmpieper ausgestattet und organisatorisch in der Lage sind, sofort alles stehen und liegen zu lassen und zum Einsatzort zu laufen.“ Anders läuft es in den Häusern Gilead III und IV, in denen die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des EVKB untergebracht ist. Hier geht der Notruf aus einer Station bei der Leitstelle der Feuerwehr ein, die dann den Notarzt schickt. „Das kann mal unser Notarzt sein, oder eben die Besatzung eines anderen Fahrzeuges, das gerade in der Nähe ist“, so Dr. Michael Korth.

Ebenfalls gut auf interne Notfälle eingestellt ist Dr. Uwe Devrient vom Evangelischen Krankenhaus Unna. Er ist als leitender Oberarzt für solche Notfälle zuständig. Und auch er schickt gleich vier Kollegen, zwei Ärzte und zwei Pflegekräfte, auf dem kürzesten Weg, damit sofort geholfen werden kann. „Der Notfallkoffer und auch ein Defibrillator sind dann immer mit dabei, um auf alle Eventualitäten eingerichtet zu sein“, so ­Dr. ­Devrient. Doch selbst dieses sehr kurzfristige Eingreifen kann manches Mal schon zu lange dauern. Und so ist es wichtig, dass das gesamte Pflegepersonal nicht nur die Alarmierung auslöst, sondern selber mit anfasst, Erste Hilfe leistet. In allen Häusern dienen dazu Schulungen, die meist einmal im Jahr durchgeführt werden und auch die Mitarbeitenden der Verwaltung mit einschließen. Wie genau geschult wird, ist dabei unterschiedlich. Vor allem bei der Frage der Beantwortung herrscht noch keine echte Einigkeit. „Der Laie soll sich ja auf die Herz-Rhythmus-Massage beschränken. Wir als Fachkräfte beatmen aber sofort“, sagt Dr. Katrin Burghardt aus Lippstadt. Auch in Bünde wird dem Laien geraten, sich auf das Eindrücken des Oberkörpers um gut fünf Zentimeter zu beschränken. „Das hat vor allem den Grund, dass die Hemmschwelle genommen, dass überhaupt mit den lebensrettenden Maßnahmen begonnen wird“, erklärt Dr. Peter Lorenz auch den Kollegen, die keinem pflegerischen Beruf angehören. Also nicht lange ekeln vor dem Gedanken, Luft in die ­Atemwege ­eines Fremden, womöglich Blutenden pusten zu müssen. Sondern ran an den Patienten und mit der Herzmassage beginnen. Und das so lange fortsetzen, bis das Fachpersonal vor Ort ist. Dieser Ort kann auch schon mal in der Cafeteria, mitten auf einem Gang oder im Fahrstuhl liegen. „Alles schon dagewesen“, sagt Dr. Katrin Burghardt, die froh ist, dann auf gleich zwei Kollegen anderer Fachrichtungen zu treffen. „Das hat ganz praktische Gründe, weil dann einer den Blutdruck messen, einer die Kanüle legen und einer den Gesamteindruck beurteilen kann.“ Gleichzeitig sind durch Anästhesist, Chirurg und Internist eigentlich so gut wie alle Eventualitäten bei einem solchen Einsatz berücksichtigt. 

Über die Motivation der Einsatzkräfte muss sich dabei niemand Gedanken machen. „Die mentale Einstellung der Kollegen ist heutzutage sehr gut. Es gibt keine Nervosität, jeder weiß, was zu tun ist. Dennoch rate ich jedem, der in einem Krankenhaus arbeitet, auch über die Pflichtschulung hinaus – wenn möglich – sich praktisch zu schulen, um die Übung nicht zu verlieren“, so Dr Uwe ­Devrient aus Unna. „Nur durch die ständige Wiederholung erlangt man die notwendige Routine.“ Dabei geht es vor allem um das Zusammenspiel und den Ablauf. Man sollte sich regelmäßig vor Augen führen: 

Was ist zu tun, wenn ich plötzlich zu einem Notfall komme? Wie reagiere ich, wen alarmiere ich, wie helfe ich? Wichtig auch, dass über eine mögliche Arbeitsteilung nachgedacht wird. Ich mir also vorab die Frage stelle: Wie arbeite ich im Team, wenn es um die Notfallrettung geht? Wer übernimmt welche Aufgabe, damit schnell und effektiv gearbeitet werden?

Wichtig sei es für jeden Mitarbeiter eines Krankenhauses, sich mit diesen Überlegungen immer wieder gedanklich auseinanderzusetzen. „Nur so kann die Manpower optimal genutzt werden. Und darauf kommt es in solchen Situationen vor allem an.“