01/2013

Tritt auf die Kostenbremse

Im Gespräch mit Mark Lönnies, stellvertretender Geschäftsführer des EVK Hamm

In den Medien ist aktuell immer wieder von den Schwierigkeiten und Problemen in der Gesundheitsbranche im Allge­meinen und für die Krankenhäuser im Speziellen die Rede. Mark Lönnies, stellvertretender Geschäftsführer des EVK Hamm, berichtet im Gespräch, woher die Probleme kommen, wie der aktuelle Stand und die Perspektiven sind.

Herr Lönnies, wie stellt sich derzeit die Situation dar?

Mark Lönnies: Man kann schon davon sprechen, dass eine dramatische Situation in der Krankenhauslandschaft vorherrscht. Und es gleichzeitig wohl auch politisch so gewollt ist, auch wenn das keiner mit der gebotenen Klarheit ausspricht. Alle Krankenhäuser sollen sich in ihrer Wirtschaftlichkeit deutlich steigern, gleichzeitig ist eine Reduzierung der gesamten Bettenzahl gewollt und gewünscht. 

In der Wirtschaft gibt es zwei Möglichkeiten, wirtschaftlicher zu werden. ­Entweder man erhöht die Einnahmen oder man reduziert die Kosten. Ist so eine einfache Rechnung auch auf den Bereich der Krankenhäuser übertragbar?

Mark Lönnies: Natürlich kann man so an das Problem herangehen. Und das geschieht ja auch schon seit vielen Jahren. Aber schon bei der Frage, die Preise erhöhen zu wollen, findet man schnell seine Grenzen. Denn höhere Preise zu nehmen, um die steigenden Kosten zu decken, ist ja nicht möglich – die Preise sind im DRG-System über den sogenannten Landesbasisfallwert vorgegeben und festgeschrieben. Eine Mengenausweitung ist, anders als von den Kostenträgern argumentiert, kein Steuerungsinstrument der Krankenhäuser, sondern lediglich die Auswirkung einer alternden Gesellschaft und des medizinischen Fortschritts. Somit sind den Krankenhäusern auf der Einnahmenseite die Hände gebunden.

Wie sieht es dann mit den Ausgaben aus?

Mark Lönnies: Grundsätzlich muss man wissen, dass die Kosten eines Krankenhauses durch rund 60 bis 70 Prozent Personalkosten geprägt sind. Wenn man also über eine Kostenreduzierung spricht, dann heißt das vor allem: Personalabbau. Den hat es in der Krankenhauslandschaft in den letzten Jahren auch gegeben, insbesondere im Pflegedienst. Trotz steigender Patientenzahlen sind die Stellen im Pflegedienst, z.B. in NRW, in den letzten Jahren um über 7 Prozent reduziert worden. Beim Personalabbau ist die Grenze erreicht, wenn man nicht bei der Qualität der Patientenversorgung Abstriche machen will. 

Sind dann vielleicht Umstrukturierungen oder neue Aufgabenverteilungen eine Lösung?

Mark Lönnies: Ja, selbstverständlich. Die Arbeitsprozesse wurden in allen Bereichen optimiert und werden laufend auf ihre Effizienz geprüft. Dies hat zu einer starken Differenzierung der Aufgaben geführt und schließlich auch zu mehr Wirtschaftlichkeit. 

Das heißt, dass es eigentlich keine Möglichkeit gibt, die Wirtschaftlichkeit heute noch weiter zu steigern?

Mark Lönnies: Das ist sicher von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich, aber insgesamt sind die Möglichkeiten praktisch ausgereizt. Diese Tatsache wird politisch ignoriert und die Verantwortung für die Unterfinanzierung der Krankenhäuser munter hin und her geschoben. Tatsache ist, dass die Schere weiter auseinandergeht. Die Kosten steigen schneller als die Erlöse, und das seit Jahren. 

Dennoch sieht man, dass an fast allen Häusern investiert und gebaut wird. Wie kommt das, wo doch die Kassen so leer sind?

Mark Lönnies: Eine adäquate bauliche und technische Ausstattung ist Voraussetzung für eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung. Dennoch schieben die Krankenhäuser in Deutschland einen Investitionsstau von mehreren Milliarden Euro vor sich her. Die Investitionsfinanzierung, zu der das Land gesetzlich verpflichtet ist, wird seit Jahren nicht auskömmlich geleistet. Somit müssen die Häuser das Notwendigste aus Eigenmitteln finanzieren. 

In der Industrie hat man eine Investitionsquote von ca. 20 Prozent, in den deutschen Krankenhäusern bewegt man sich auf eine Quote von unter 4 Prozent zu.

Was bedeutet all dies denn für die ­generelle medizinische Versorgung?

Mark Lönnies: 2011 hat rund ein Drittel der Krankenhäuser rote Zahlen geschrieben. Und für 2012 ist mit rund 50 Prozent zu rechnen. Das sind schon wirklich alarmierende Werte. Generell denke ich, dass wir immer noch eines der besten Gesundheitssysteme der Welt haben – aber es bröckelt. Wenn ein Krankenhaus schließen muss, dann sind die Auswirkungen natürlich nicht so dramatisch, solange es in ein paar Kilometern Umkreis das nächste Haus gibt. In ländlichen Regionen sieht das aber schon ganz anders aus, da bedeutet so eine Schließung für die Patienten schon einen bedeutenden Einschnitt in deren medizinische Versorgung.

Wie schätzen Sie das Wissen um all diese Probleme in der Belegschaft ein? Ist die Situation bekannt und wird sie richtig eingeschätzt?

Mark Lönnies: Ich denke schon, dass jeder Mitarbeiter ungefähr weiß, wie sich die Lage zugespitzt hat. Gleichzeitig wird es nicht immer im Klinikalltag präsent sein, ist man wohl eher auf sich fokussiert und sieht, dass die Anforderungen weiter steigen. Wir versuchen aber, die Transparenz so groß wie möglich zu halten, zu erklären, warum wir auf die Kostenbremse drücken müssen, auch wenn es sich so anfühlt, als hätten wir das Bodenblech längst durchgetreten.

Noch hört und liest man kaum etwas von schließenden Krankenhäusern. Täuscht da vielleicht doch der Eindruck?

Mark Lönnies: Die Zahl der Krankenhäuser, die geschlossen haben, ist tatsächlich überschaubar. Ich bin aber überzeugt, dass sich diese Entwicklung sehr bald verschärfen wird. Nicht zu unterschätzen ist auch die Tatsache, dass ganz viele Einrichtungen an die Substanz gehen und notwendige Investitionen in Ausstattung und Struktur unterbleiben. Ob das Niveau der Gesundheitsversorgung in den kommenden Jahren so zu halten ist, ist also zweifelhaft.

Was würde Ihrer Meinung nach denn schnell und effektiv helfen?

Mark Lönnies: Die Krankenhausfinanzierung muss auskömmlich gestaltet werden. Dazu müssten sich die Bausteine der Finanzierung an dem tatsächlichen Bedarf orientieren und auch verlässlich planbar sein. Im System ist genug Geld, der Gesundheitsfond hortet 30 Milliarden Euro. Es muss also eine richtige Reform her – aber ob die auch eintritt? Daran kann ich zumindest nach jetzigem Stand nicht so recht glauben.

Wie würden Sie dann die Perspektiven der von Ihnen betreuten Häuser, also Hamm und Münster, einschätzen?

Mark Lönnies: Beide Häuser haben natürlich mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen, unter denen die gesamte Krankenhauslandschaft leidet. Hilfreich ist die Einbettung in die Konzernstruktur der Valeo-Kliniken GmbH. In der Holding mit 4 Krankenhäusern und 6 weiteren Gesellschaften ergeben sich noch einmal Synergien, die einem einzelnen Haus verwehrt bleiben. 

Ohne eine geänderte Finanzierung, z.B. durch eine konsequente und verlässliche Refinanzierung der jährlichen Tarifsteigerungen, sieht die Zukunft aber nicht rosig aus. In diesem Zusammenhang hoffen viele auf die Bundestagswahl im Herbst 2013. Jetzt gilt es, der Politik die Situation nochmal deutlich zu machen, wenn nötig wieder mit Protestmärschen vor dem Brandenburger Tor.