02/2012

Heimisch in der Fremde

Wie Ärzte und Pflegekräfte verschiedener Nationen bei uns integriert werden

„Wenn ich in der Notfallaufnahme arbeite, kommt es schon mal vor, dass ein Patient zusammenzuckt, wenn er mich sieht. Dann aber ist alles überraschend großartig – beschweren kann ich mich da wirklich nicht“, sagt Dr. Arnaud Jouda, Assistenzarzt im EVK Johannisstift Münster. Verrät seine Hautfarbe seine Heimat Kamerun, so ist an der Sprache längst nicht mehr zu erkennen, dass er bis 2003 auch in dem afrikanischen Staat lebte. Im Kreise einer großen Familie – acht Geschwister, jede Menge Cousinen und Cousins –, in einem Land, in dem für ihn schnell klar war, dass er es für die Ausbildung verlassen wollte. „Als mein Cousin 2001 für eine zweijährige Fortbildung nach Deutschland ging, war für mich das Fernweh gestärkt“, sagt Dr. Jouda heute. Also legte er beim Goethe-Institut in Kamerun die Aufnahmeprüfung ab und bestand sie. Von rund 100 Bewerbern konnte das Institut nur 20 aufnehmen, er wurde genommen und büffelte ab sofort Deutsch. Dann ging es nach Göttingen, um das Medizinstudium aufzunehmen.

Ihr Studium hingegen hatte Dottoressa Rozeta Zeraj noch im italienischen Ferrara absolviert und sich erst dann zu diesem großen Schritt, nach Deutschland zu gehen, entschieden. Die 30-Jährige, deren Wurzeln in Albanien liegen, ist seit Februar 2011 im Lukas-Krankenhaus in Bünde und hatte damals nur vier Stunden Zeit, ihrer Zukunft eine entsprechende Wendung zu geben. Denn als sich ihr als junge Ärztin über einen Freund aus Unna die Chance bot, die Stelle auf der Inneren Station in Bünde anzunehmen, musste sie rasch, innerhalb dieses kurzen Zeitfensters, handeln – und tat es. Trotz der Tatsache, dass sie außer „Geht’s gut?“ und „Ich liebe dich“ kein Wort Deutsch beherrschte. Das hat sie in der Zwischenzeit selbstverständlich nachgeholt. In speziellen Sprachkursen für Mediziner, um nicht nur mit den Kollegen über Fachliches, sondern auch mit den Patienten kommunizieren zu können. Nicht akzeptiert, gar unwohl in diesem neuen Umfeld fühlt sich die junge Medizinerin aber überhaupt nicht. 

Dr. Arnaud Jouda fühlte sich dagegen fremd. Es seien nicht nur die Sprachprobleme, die ihn schnell als Außenseiter dastehen ließen. Kommilitonen und Dozenten „haben mich häufiger nicht ernst genommen – so etwas kränkt“, sagt der 27-Jährige. Dabei studierte er in der Regelstudienzeit, musste keine einzige Klausur wiederholen. Nach dem Studium dann erst einmal eine Auszeit, eine Reise durch die USA, durch Kanada sorgte für die notwendige Abwechslung, ehe er im März 2011 im EVK Johannisstift Münster anfing. Die Aufnahme innerhalb des Kollegenkreises war problemlos, beim Pflegepersonal war das schon manches Mal anders. „Ich hatte das Problem, den Eindruck, dass ich mehr unter Beobachtung stand.“ Dabei fühlt sich Dr. Jouda längst nicht mehr als Fremder. Und genau da liege das Problem mit der Zusammenarbeit zwischen Heimischen und Zugezogenen. Die Barrieren bestehen nur im Kopf, wer sich durch eine dunklere Hautfärbung optisch unterscheidet, müsse innerlich längst nicht anders sein. „Es würde einfach helfen, wenn man uns ganz normal gegenübertritt, diese ganze Migrationsfrage vergisst, sich auf das konzentriert, was wir sind: Kollegen.“

Diese haben Dottoressa Zeraj im Bünder Krankenhaus am Anfang „besonders viel Geduld“ entgegengebracht, denn praktische Erfahrung bringen die angehenden Mediziner in Italien – anders als in Deutschland – zunächst nur wenig mit. Auch da gab es also Nachholbedarf für die angehende Internistin mit Schwerpunkt Gastroenterologie. Aber wegbewegen? Möchte sich die Dottoressa heute nicht mehr. „Ich habe hier so nette Kollegen, es ist attraktiv hierzubleiben,“ sagt die, die seit Dezember 2011 zur Assistenzärztin aufgestiegen ist.

Ein Geheimrezept für Ärzte, für Pflegepersonal mit Migrationshintergrund? „Gibt es nicht“, ist sich der angehende Facharzt aus Kamerun sicher. „Man muss sich durchbeißen, muss sich genau anschauen, was es für Hilfe gibt, wie man unterstützt wird.“ Und Dottoressa Zeraj weist darauf hin, dass das Sozialleben am Anfang sehr leide und rät dazu, „wenn möglich, nicht alleine nach Deutschland zu kommen und die Sprache schon vorher zu erlernen“. Ob er noch mal von Kamerun aus nach Deutschland ziehen, sein Leben komplett auf den Kopf stellen würde? Schwer zu sagen. „Ich habe sehr viel Glück gehabt – das hat mir geholfen“, sagt Dr. Jouda achselzuckend. So gehört er mittlerweile fest zum Bild im EVK Johannisstift Münster. Selbst die Patienten reagieren so, „wie man sich das nur wünschen kann – blöde Kommentare hat es da nie gegeben“. Dafür gibt es andere Situationen, die zwar vorhersehbar, nicht aber vorab zu vermeiden sind. „Als Beispiel würde ich spontan eine ganz kleine gesellschaftliche Problematik nennen. Meist passiert es, dass ich am Wochenende bei Discobesuchen am Eingang meinen Ausweis vorzeigen muss. Eine Tatsache, die generell für mich nicht nur unbedingt als Alterskontrolle aufgefasst wird.“ Dass der Ausweis mittlerweile ein deutscher ist, überrascht nicht nur den Türsteher. „Im Endeffekt ist das nur ein einfaches Stück Papier – für meinen Alltag bedeutet das aber sehr viel“, weiß Dr. Jouda, der dann problemlos die Disco betreten kann. Seinen Kameruner Pass musste er dafür abgeben, gefragt, wo denn nun seine Heimat liege, muss Dr. Jouda kurz überlegen. „Meine Wurzeln? Liegen natürlich in Kamerun. Mein Lebensmittelpunkt aber liegt hier in Münster.“ Wie lange das so sein wird? Auch schwer zu sagen. Für die Facharztausbildung wird er vielleicht noch innerhalb Deutschlands umziehen, später vielleicht mal in die USA, vielleicht auch nach Kanada ziehen. Am Ende aber soll es zurück nach Kamerun gehen. Der Familie, der Wurzeln wegen. „Das ist doch heute nichts Ungewöhnliches, dass ein Mensch durch die Welt zieht. Ich bin immer sehr gerne gereist. Und das sollte man eigentlich auch am Arbeitsplatz so sehen. Menschen kommen und gehen. Ganz gleich, aus welchen Ländern.“

»Zurückgehen nach Russland? Nein, ist doch niemand mehr da, sind alle hier. Ich habe hier sogar schon mal ein Klassentreffen gehabt.«
Elena Gisbrecht 
Leitung Station 2, Fachklinik für Geriatrie in Enger

»Es ist mir wichtig, dass die Patienten mich verstehen und ich sie.«
Jurate Vahrson
Gesundheits- und Krankenpflegerin Station 2, Fachklinik für Geriatrie in Enger

»Ich bin hier sehr freundlich aufgenommen worden. Weder mit den Patienten noch mit den Kollegen hat es irgendwelche Startschwierigkeiten gegeben.«
Dottoressa Rozeta Zeraj 
Assistenzärztin im Lukas-Krankenhaus in Bünde